Hintergrund
Belastungsinkontinenz – der unwillkürliche Urinverlust beim Husten, Niesen, Lachen oder Sport – betrifft viele Frauen und kann die Lebensqualität erheblich einschränken. Wenn konservative Maßnahmen wie Beckenbodentraining nicht ausreichend wirken, kann eine operative Behandlung sinnvoll sein. Das spannungsfreie Vaginalband (TVT, „Tension-free Vaginal Tape“) ist seit 1996 eines der am besten untersuchten und weltweit am häufigsten durchgeführten Verfahren zur Behandlung der Belastungsinkontinenz.
Was ist ein TVT?
Beim TVT wird ein schmales, netzartiges Kunststoffband (aus Polypropylen) unter die mittlere Harnröhre gelegt. Das Band stützt die Harnröhre bei körperlicher Belastung und verhindert so den unwillkürlichen Urinverlust. Es wird spannungsfrei eingelegt – im Ruhezustand übt es keinen Druck auf die Harnröhre aus, sondern wirkt nur bei Belastung als Widerlager.
Das Band wird hinter dem Schambein hindurchgeführt und tritt über zwei kleine Hautschnitte oberhalb des Schambeins aus.
Für wen ist die Operation geeignet?
– Frauen mit Belastungsinkontinenz, bei denen Beckenbodentraining und andere konservative Maßnahmen nicht ausreichend geholfen haben
– Die Diagnose sollte durch eine gynäkologische Untersuchung und ggf. eine urodynamische Messung gesichert sein
Wie läuft die Operation ab?
– Der Eingriff erfolgt ambulant und dauert in der Regel 20–30 Minuten. Er kann unter örtlicher Betäubung, Spinalanästhesie oder Vollnarkose durchgeführt werden.
– Über einen kleinen Schnitt in der vorderen Scheidenwand wird das Band unter der Harnröhre platziert.
– Die Rückkehr zu normalen Alltagsaktivitäten ist in der Regel nach 3–4 Tagen möglich. Schweres Heben und Sport sollten für ca. 4–6 Wochen vermieden werden.
– Auf Geschlechtsverkehr sollte für ca. 4–6 Wochen verzichtet werden.
Wie gut wirkt die Operation?
Die TVT-Operation gehört zu den am besten untersuchten Eingriffen in der Gynäkologie. Die Ergebnisse sind überzeugend:
– Kurzfristig (1 Jahr): Heilungsraten von 80–95 % – die große Mehrheit der operierten Frauen hat keinen oder nur noch minimalen Urinverlust.
– Langfristig (10–25 Jahre): Die Wirkung hält dauerhaft an. Nach 10 Jahren liegt die Heilungsrate bei ca. 90–94 %. Selbst nach 20–25 Jahren berichten über 75 % der Frauen von einer anhaltenden deutlichen Verbesserung.
– Patientinnenzufriedenheit: Über 90 % der Frauen gaben in Langzeitstudien an, dass sie die Operation erneut durchführen lassen würden.
Welche Risiken und Nebenwirkungen gibt es?
Wie bei jedem operativen Eingriff können Komplikationen auftreten, diese sind jedoch insgesamt selten:
– Blasenverletzung während der Operation: ca. 2–4 % (wird sofort erkannt und versorgt, in der Regel ohne Folgen)
– Vorübergehende Blasenentleerungsstörung (erschwertes Wasserlassen): ca. 5–10 %, bildet sich meist innerhalb von 2 Wochen zurück
– Banderosion (das Band wird an einer Stelle in der Scheide sichtbar): ca. 1–3 %, kann meist ambulant behandelt werden
– Bluterguss im Becken: ca. 1–2 %
– Harnwegsinfekt: ca. 1 %
– Neu auftretender Harndrang (Dranginkontinenz): ca. 5–19 %, kann sich im Verlauf bessern
– Schwerwiegende Komplikationen (Darm- oder Gefäßverletzungen) sind sehr selten.
Wann ist die Operation nicht geeignet?
– Bei reiner Dranginkontinenz (Urinverlust bei plötzlichem, starkem Harndrang ohne Belastungskomponente)
– Bei aktiven Harnwegsinfektionen
– Bei unklarer Diagnose ohne vorherige Abklärung
– Bei Kinderwunsch (eine erneute Schwangerschaft und Geburt kann das Ergebnis beeinträchtigen)
Wichtige Hinweise
– Die TVT-Operation ist eine Kassenleistung und wird von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen.
– Vor der Operation sollte ein ausführliches Aufklärungsgespräch stattfinden, in dem Nutzen und Risiken individuell besprochen werden.
– In den letzten Jahren gab es eine öffentliche Diskussion über Kunststoffnetze (Mesh) in der Beckenbodenchirurgie. Wichtig zu wissen: Die Bedenken beziehen sich vor allem auf großflächige Netze zur Behandlung von Senkungsbeschwerden. Das schmale TVT-Band zur Inkontinenzbehandlung hat ein deutlich günstigeres Sicherheitsprofil und wird von den urologischen und gynäkologischen Fachgesellschaften weiterhin als Standardverfahren empfohlen.
Für eine individuelle Beratung vereinbaren Sie gerne einen Termin in unserer Praxis.
